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Das Futur ist passé

19. September 2010

Ende der neunziger Jahre herrschte in Zürich die Zukunft, und die Zukunft hiess Techno, seit ein paar Jahren schon. Wer sich damals vom musikalischen und künstlerischen Zeitgeist inspirieren lassen wollte, der «chillte» donnerstags bei Bier oder irgendeinem neuartigen Energy-Drink im «Rohstofflager» an der Josefstrasse, wo der Lounge-Abend «Substrat» sozusagen die gesellschaftliche Vernetzung und Szenenbildung förderte.

Industrie-Ambiente

Der Klub verdankte seinen Namen, den man durchaus als ästhetisches Programm verstand, dem Umstand, dass er 1997 tatsächlich in einem ehemaligen Rohstofflager eingerichtet worden war. Das Industrie-Ambiente des kirchenartig hohen Lokales in Kombination mit der futuristischen Gemütlichkeit vieler Plastic-Sofas und dem blendenden Weiss der Minimal-Ästhetik verhiess nun tatsächlich so etwas wie das Glück eines Neuanfangs. Geboten wurden verspielte Videos experimentierfreudiger Bildkünstler – grossflächig wurde die abstrakten Visuals an die Wände projiziert. Geprägt wurde die Atmosphäre allerdings durch die knisternden, fiependen, flirrenden Minimal-Sounds kompromissloser Klang-Pioniere wie Steinbrüchel, Styro 2000, Carsten Nicolai, Jan Jelinek, Thomas Brinkmann . . .

Am Wochenende (also ungefähr einen Tag später) fand man sich hier schon wieder ein, weil die Partys des «Rohstofflagers» stets mit wegweisenden DJ aufwarteten. Am Freitag galt das Motto «Lost in Drum and Space»: Harte Jungs aus London wie Goldie, Grooverider, Roni Size mischten pumpende Bässe unter eisige Breakbeats. Am Samstag gab sich die Techno-Avantgarde die Ehre, von Jeff Mills, Aphex Twin, Richie Hawtin bis DJ Hell und Miss Kittin.

Damals glaubte man noch, was in der Rave- und Techno-Bewegung gebetsmühlenartig wiederholt wurde: dass es vorbei sei mit der Rockkultur und dem hierarchischen Starkult des Pop, dass DJ-Demokraten nun Räume schafften, in denen sich jeder selbst inszenieren dürfe. Und weil man eben so naiv war und das für bare Münze nahm, setzte man sich also sozusagen pflichtbewusst auf dem unebenen Dancefloor des «Rohstofflagers» in Szene.

Die Veranstalter sorgten im «Rohstofflager» jahrelang dafür, dass sich die Techno-Bewegung tatsächlich bewegte. Der Impresario Arnold Mayer brachte immer wieder Prominenz in seinen Klub. Und Philipp Meier machte das «Substrat» nicht nur zu einem Must der Zürcher «Szene», als eloquenter Propagandist war er einer von wenigen, die quasi die Errungenschaften der Klubkultur politisch zu verteidigen suchten: etwa gegen das subventionierte Zürcher Schauspielhaus, das den privaten Klubs das Wasser abzugraben schien mit ein paar eigenen Partys und Techno-Veranstaltungen im neu eröffneten Schiffbau.

http://www.nzz.ch/

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