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Alter Ego in der Zukunft

6. November 2010

Wenn ich an ALTER EGO denke, sehe ich vier Hände, die Knöpfe bis zum Anschlag auf- und zudrehen. Diese Hände gehören zu den Körpern von ROMAN FLÜGEL und JÖRN ELLING WUTTKE und wenn diese Knöpfe, an denen sie unermüdlich drehen und zerren, gar keinen Anschlag hätten, also nicht Knöpfe, sondern Räder wären, dann würden sie wahrscheinlich drei, vier Mal um die eigene Achse gedreht, bis ihnen dabei ganz schwindelig würde. Stattdessen knallen sie mit jedem neuen »krrrr« und »uiiihhh« oder »brmmm«-Sound erneut gegen den hartnäckigen Widerstand am Ende des eigenen Umdrehung. Ob sie dabei leise »Geht`s noch?« vor sich hin zischen, ist bei der Lautstärke nicht zu hören, aber gut möglich. Für die beiden Herren am anderen Ende der Arme jedoch, deren Hände weiter gnadenlos an allem drehen und zerren, was die Maschinen hergeben, geht stattdessen immer noch a bisserl mehr. Man könnte sagen: Roman und Jörn drehen einfach verdammt gerne am Rad.

Wenn ich an ALTER EGO denke, denke ich an Freundschaft und Familie und an eine der wunderbarsten Label-Konglomerate in Deutschland – PLAYHOUSE, KLANG, ONGAKU. An eine der kreativsten Schaltzentralen elektronischer Musik, die wie vor Jahr und Tag zwischen Offenbach und Frankfurt residiert und sich wenig um Paris, Berlin und London schert. Warum woanders sein Glück versuchen, wenn man Clubs wie das ROBERT JOHNSON, COCOON und den Frankfurter Airport direkt vor der Nase hat? Echte Cosmopoliten erkennt man eben an ihrer Liebe zur Heimat.

Wenn ich an ALTER EGO denke, sehe ich schwarze T-Shirts mit der übergroßen Aufschrift ACID JESUS auf einer Kleiderstange in den alten Kölner wie Frankfurter »DELIRIUM«-Laden hängen. Anfang, Mitte Neunziger. Mein Gott, ist das lange her. Ich sehe die HARTHOUSE-Scheiben mit den großen Hardtrance-Hits drauf in der Wand stehen, die jeden Samstag Morgen massenweise in den Besitz von jungen Ravern übergingen, die noch nicht geschlafen hatten und es vor Montag auch nicht vor hatten. Vinyl war unser täglich Brot, die Rave-o-lution hatte gerade erst begonnen und Roman und Jörn waren bereits mittendrin. Bei Harthouse und ihrem Freund SVEN VÄTH erschien 1994 ihr erstes Alter Ego-Album. ACID JESUS! Was für ein göttlicher Name.

Wenn ich an ALTER EGO denke, denke ich an Stil, Eleganz und Eloquenz. An zwei Gentlemen der elektronischen Musik, die ein unheimliches Wissen über Musik an sich, vor allem aber über Pop und Techno besitzen. Mit denen man nicht nur extrem gut feiern, sondern sich auch extrem gut unterhalten kann. Jörn Elling Wuttke kennt wahrscheinlich mehr Tratsch-und Klatsch-Geschichten aus tausend und einer langen Nacht als Andy Warhol und er erzählt sie besser als Truman Capote. Und Roman Flügel? Sieht besser aus als Richard Claydermann und spielt auch so Klavier, hat mit Projekten wie SOYLENT GREEN, ROMAN IV und EIGHT MILES HIGH Klassiker moderner Elektronika geschaffen. Mit ihrem gemeinsamen Freigeist-Sidekick SENSORAMA haben sie sich einst locker einen Platz zwischen Aphex Twin und Mouse on Mars verdient. Dazu gaben sie Videoclips in Auftrag, die mit Preisen überhäuft wurden und ins Pop-Museum gehören. Diese beiden alten Rocker sind die PET SHOP BOYS des Techno. Unzertrennlich und für immer jung.

Wenn ich an ALTER EGO denke, habe ich die große Sauf-Hymne »BETTY FORD« im Ohr, diesen manischen Basslauf, der damals, Ende der Neunziger, so extrem gut den Sound der Zeit, den Geschmack der Drinks und der dazu gereichten Drogen widerspiegelte. »Betty Ford« war und ist typisch Alter Ego: Schlicht und schlau, stumpf und scharfsinnig. Dass sie da Jahre später mit »ROCKER« noch einen drauf setzen würden, dass es ihnen tatsächlich gelingen würde, die perfekte Symbiose aus Popsong und Technotrack zusammenzuschrauben und damit auch noch die britischen Charts zu stürmen – es war eigentlich damals schon abzusehen. »Rocker« ist schon jetzt ein Stück Musikgeschichte. So was hat auch nicht jeder.

Wenn ich an ALTER EGO denke, denke ich an Freundlichkeit und Humor, an diese spezielle Leichtigkeit und feine Ironie, die man leider bei den allerwenigsten Techno-Produzenten findet. Es ist, als sei ihre Arbeit immer begleitet von diesem fast unsichtbaren Lächeln, wie es Jörn umspielt, wenn er mal wieder die Knöpfe bis zum Anschlag schickt, und man die reine Freude an dieser Musik nicht nur hören, sondern physisch an ihm beobachten kann. Es gibt wahrscheinlich kein Festival weltweit, auf dem sie diese Freude und dieses Glück nicht schon geteilt hätten mit Menschen auf Tanzflächen in Ekstase. Wenn Alter Ego spielen, herrscht gefälligst Ausnahmezustand. Oder wie Jörn sagen würde: Andacht.

Wenn ich an ALTER EGO denke, merke ich erst, wie dieses Projekt, vor allem und spätestens aber nicht nur mit »Rocker«, sowohl die gute alte totgeglaubte Techno-Musik immer wieder belebt hat, sondern wie auch all das, was heute ein »New«, »Nouveau« oder »Neu« im Genre trägt, all das, was irgendwie bangt oder digitalisiert, sich irgendwo zwischen Rock und Disco abarbeitet, ohne diese beiden heiligen Chefknarzer, die Erfinder des Edeltechno und unermüdlichen Fackelträger der geraden Bassdrum nicht denkbar wäre.

Wenn ich an ALTER EGO denke, dann denke ich an zwei Typen, die definitiv eine Vollmeise haben, die sich seit über zwei Jahrzehnten elektronischer Musik, Techno und Popkultur in einer Art und Weise verschrieben haben, dass nicht nur den Knöpfen dabei schwindelig wird. Und sie haben immer noch nicht genug. Zum zehnjährigen Bandjubiläum drehen Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke deshalb noch mal so richtig am Rad, das sie selbst erfunden haben. »WHY NOT?« ist nicht nur ein typischer Alter Ego-Albumtitel, sondern auch ein typisches Alter Ego-Album: schlicht und schlau, stumpf und scharfsinnig. Let there be Rock!

Tobias Thomas, 7.September 2007 (ongaku.de)

Fr 12.11.2010 23.00
Club Zukunft Zürich

http://www.zukunft.cl/

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